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Der weiße Wolf (1)

Tag 1

Als ich so von der Decke hing und die Ketten langsam begannen in meine Fußgelenke einzuschneiden, dachte ich darüber nach, wie lang ich hier eigentlich schon hing. Wäre ich ein normaler Mensch, dann wäre mir das Blut in den Kopf gestiegen und irgendwann wäre der Druck zu groß geworden, doch das war ich nicht. Meine Adern hielten größerem Druck stand. Mein Herz pumpte kräftiger und mein Gehirn verbrauchte weniger Sauerstoff. Ich konnte meinen Kreislauf ganz einfach herunterfahren und so lange hier ausharren wie es nötig war. Oder zumindest bis ich mich befreien konnte. Wäre ich ein Mensch, wäre ich hier aber auch gar nicht gelandet, dann hätten sie mich nicht ausgesucht. Sie hätten mich nicht gefangen genommen und sie hätten mich nicht eingesperrt. Und was sie vor allem nicht getan hätten: Sie hätten mich nicht misshandelt und mich missbraucht. Diese Menschen missbrauchen uns für ihre Wissenschaft. Für ihre Erkenntnisse und für ihren Wissensdurst, doch dass sie uns damit unterdrückten und Unrecht an uns taten, das war ihnen gar nicht klar.
Nachdem ich eine Weile geschlafen hatte sah ich mich um. Ich war nicht die einzige hier, die gefangen worden war. Mit mir waren noch etwa 25 von uns in diesem Raum. Wir wurden hier festgehalten, damit sie Versuche an uns starten konnten, doch am liebsten würde ich mich losreißen und den ganzen Bastarden den Kopf abreißen. Immer wenn ich darüber nachdachte, wie das hier alles nur passieren konnte überzog mich eine Gänsehaut und ein leichter Schauder lief mir den Rücken herunter. Gerade kam wieder einer der Wächter, zumindest nannten wir sie so, herein und kettete einen meiner Nachbarn ab. Er ließ den schwachen Körper des jungen Mannes einfach auf den Boden fallen und schliff ihn dann hinter sich her. Er zog ihn durch eine dicke Stahltür und alles was danach passieren würde hatte ich auch schon erlebt.
Man würde ihn anstacheln. So lang bis er aggressiv werden würde. Wenn er erst mal außer Kontrolle geraten würde, würden sie ihn noch so lang weiter anstacheln bis er sich verwandeln würde. Für unsere schwachen Körper waren das schlimme Strapazen. Um sich schnell genug verwandeln zu könne, das hieße also binnen Sekunden, musste man gesund und trainiert sein. Die schnelle Verwandlung war für uns wichtig, falls wir in Schwierigkeiten geraten würden und uns einem Kampf stellen mussten. Doch er würde unter Schmerzen leiden müssen, da sein Körper schon seit Monaten kaum Nahrung bekommen hat und man muss mal ehrlich sein: Über Kopf an der Decke auf gehangen mit Ketten die einschneiden einzuschlafen war schon eine schwere Sache. Das heißt durch Schlaf Kraft zu sammeln war unmöglich. Dazu kam noch, dass hier manche schluchzten oder vor Schmerz einfach nur noch wimmerten. Einige unterhielten sich manchmal, doch den meisten war nicht zu reden zumute. Ich wusste, dass in den meisten hier im Raum ein Feuer brannte, dass nur noch darauf wartete alles nieder zu brennen. Man hatte uns extra so schwach werden lassen, um zu bezwecken, dass unsere Verwandlung langsamer würde. Sie wollt jede Kleinigkeit aus Forschungszwecken aufnehmen.
Dass sie uns damit bloß stellen würden oder unseren Stolz und unsere Ehre nahmen war ihnen egal. Sie waren an uns nur als Forschungsobjekt interessiert. Das schlimme war, dass schon einige zu Tode gekommen und das war den Wächtern egal.
Nach einigen Stunden kam mein Nachbar wieder. Er war wieder in menschlicher Gestalt. Während seines Aufenthalts bei den Wächtern hatte ich jedes kleinste Schreien, Brüllen und Wimmern von ihm gehört. Als sie ihn wieder auf gehangen hatten nickte ich kurz zu ihm rüber, um sicher zu gehen, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging und er nickte zurück, so wie wir es immer getan hatten. Sein ganzer Körper war von Prellungen, blauen Flecken und Rückständen von Peitschenschlägen übersät. Diesmal hatten sie ihm sogar eines seiner Beine gebrochen. Er ruckte mit seinem Bein und nutze dafür die Schwerkraft und richtete damit sein Schienbein. Es knackte und ich konnte praktisch hören wie die Knochen sich langsam miteinander verbanden. Dieser Bruch würde vielleicht 24 Stunden brauchen. Dann wäre er vollkommen ausgeheilt. Normalerweise heilten wir bei schwerwiegenden Verletzungen binnen Minuten und bei leichteren Verletzungen binnen Sekunden, doch wir waren einfach schwach. Wir fühlten uns alle gedemütigt. Man hatte uns gezeigt, dass man auch gegen uns eine Chance hatte.
Ich wusste nicht genau wo wir waren, doch es schien ein Keller zu sein. Die Ketten waren mit dicken Bolzen in der Decke befestigt. Der Komplette Raum, sowohl Decke, Fußboden und auch die Wände waren mit dunklen kopfsteinpflasterartigen Steinen verkleidet. Unter der Decke leuchteten schwach ein paar Leuchtstoffröhren.
Am Eingang über der dicken Stahltür hing eine elektronische Anzeige. Auf ihr waren Datum und Uhrzeit angezeigt, damit wir auch ja wissen würden, wie lang wir schon hier waren. Um ehrlich zu sein: Ich hatte mittlerweile schon vergessen an welchem Tag ich hier her kam, also nützte mir die Anzeige ziemlich wenig. Es machte mich nur einfach krank zu sehen, dass Tag für Tag und Woche für Woche verging und niemand nach mir suchte, wenn sie nicht schon alle tod waren..
Neben der Tür stand ein Mann. In seinen Händen trug er ein Sturmgewehr. Würden wir nicht gehorchen würden sie hunderte Kugeln ohne Skrupel in uns hineinjagen. Das wäre nicht zwangsläufig unser Tod, aber würden sie es schaffen unseren Kopf von unserem Körper zu trennen, dann war es sicherlich so weit. An jeder Seite des Raumes waren viereckige Luftschächte an denen Ventilatoren waren. Wenigstens bekamen wir etwas Luft. Der Rest des Raumes war mit uns gefüllt. Wir hingen immer in 5er Reihen von der Decke. Jeder an einer Kette, die sich um die Füße schlang und dann nach oben mit einem Bolzen an der Decke befestigt war. Ich hatte schon häufiger überlegt, wie ich diese Bolzen aus der Decke ziehen könnte, doch bis jetzt war es mir nicht gelungen. Ich hatte einfach nicht genug Kraft- nicht mehr. Ich hing in der letzten Reihe und war froh darüber. Wir hier hinten hatten meist Glück und wurden häufig verschont. Mein Nachbar heute war eine Ausnahme, doch ich war froh, dass er überlebt hatte. Irgendwoher kam er mir bekannt vor. Sein Geruch, seine Art wie er sich bewegte, sein Aussehen. Diese blauengrünen Augen, die einen auf eine kühle, aber beruhigende Art ansahen.

4.8.14 14:14

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